Geschmack? Reine Erziehungssache …

Kein moralisch erhobener Zeigefinger, sondern einfach ein paar Gedanken (Teil 1)

Warum sind wir Menschen wie wir sind? In der Ausbildung unserer Persönlichkeit, unserer Vorlieben und Art und Weise zu leben spielen unzählige Faktoren eine Rolle. Die Gene, das soziale Umfeld und natürlich die Region, in die wir hineingeboren werden. So schütteln wir uns in Mitteleuropa beim Gedanken, Hunde und/oder Katzen zu verspeisen, empfinden aber keine Skrupel beim Verzehr von Schwein, Rind und Geflügel. Warum verdrängt unser Gehirn dabei die moralische Zwickmühle?

Wären Sie oder ich beispielsweise in Kambodscha aufgewachsen, würden wir als Delikatesse gerne eine frittierte Vogelspinne verspeisen. Tatsächlich ist das dort ein ganz normales Frühstück und somit der Beweis, dass wir nicht von Natur aus auf eine bestimmte Art der Ernährung geprägt sind, sondern unser Geschmack eine reine Frage der Erziehung ist. Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.

Zu dem, was da in unserem Gehirn an Verdrängung getätigt wird gibt es viele Studien. Quarks &Co. machte 2021 einen interessanten Versuch. Zur St. Martins-Zeit wurde ein Stand in einer Fußgängerzone aufgebaut, an dem sich Passanten eine lebende Gans aussuchen konnten, um diese vor Ort unter den Augen der Öffentlichkeit schlachten zu lassen und dann als bratfertiges Tier mitnehmen zu können. Die Reaktionen waren durchaus unterschiedlich, aber der allgemeine Konsens wurde klar. Denn kaum wurde der Vorgang der Schlachtung vom anonymen Schlachthaus außerhalb in die innerstädtische Öffentlichkeit gezogen, überdachten Passanten ihren Fleischkonsum und erkannten, dass ihr Braten nicht nur ein Leben und somit Gefühle wie Freude und Ängste hatte, sondern eigentlich gerne weitergelebt hätte.

(https://www.quarks.de/gesellschaft/psychologie/sozialexperiment-tiere-schlachten-in-der-oeffentlichkeit/)

 

Das Max-Planck-Institut veröffentlichte im gleichen Jahr einen Text, der zeigte, dass statistisch gesehen der Fleischkonsum vom Bildungsgrad und Einkommen abzuhängen scheint. Die Redakteurin stellt diese Erkenntnis selbst in frage und zeigt sehr gut auf, dass wir es uns nicht zu einfach machen können (https://www.mpifg.de/667974/2021-05-standpunkt-einhorn). Wir sollten nicht mit dem erhobenen Zeigefinger rumlaufen und missionarisch agieren, sondern aufklären. Mitnehmen und Verständnis dafür aufbringen, dass Veränderung Zeit braucht, dass wir alle etwas verändern können. Zukunft und Erhalt unserer Umwelt ist kein Privileg der Bildungsschicht und monetär gehobenen Gesellschaft, sondern etwas woran alle Menschen mitwirken können und müssen. Denn viel Zeit haben wir mit unserem jetzigen Lebensstil nicht mehr. Wir haben in Mitteleuropa mehr als hundert Jahre gebraucht, um zu erkennen, dass Hexenverbrennung weder sinnvoll ist, noch als schützenswertes Kulturgut je eine Chance hat von der UNESCO in eine entsprechende Liste aufgenommen zu werden. Heute müssen wir schneller sein und zeigen, dass wir das Ruder rumreißen und Gewohnheiten zugunsten aller zügig ändern können.

Die Zeiten in denen wir aktiv gejagt haben, um zu überleben sind lange vorbei. Unsere Ur-Vorfahren haben Tiere gejagt und gegessen, das ist Fakt. Allerdings war das Kräfteverhältnis zu dieser Zeit ein anderes. Der Jäger war allenfalls mit einem Wurfspeer bewaffnet und nahm Klippen, über die die Tiere gejagt wurden zur Hilfe. Schlussendlich wurde die Beute vollumfänglich verarbeitet und genutzt. Heutzutage bedeutet Jagd, das eine Person von 50, 60 oder mehr Kilogramm mit einem Hochpräzisions-Gewehr aus gesicherter Entfernung ein ahnungsloses Tier von im Mittel ca. 20 Kilogramm aus einem Hinterhalt erschießt. Ist das Jagd oder müssten wir moralisch korrekt nicht die gleichen Annahmen wie beim Mord an einem Menschen anlegen? Ein Mord wird unter anderem daran festgemacht, dass Tatmerkmale wie Mordlust oder Grausamkeit erfüllt sind. Zudem spielt die Heimtücke eine Rolle, die Ausnutzung der Arg- und Wehrlosigkeit des Opfers (deutsches Strafrecht (§ 211 StGB)). Nun kommt natürlich das Argument, dass es beim gesetzlich definierten Mord ja um einen Menschen geht und nicht um ein Tier. Und schon stehen wir vor dem nächsten moralischen Konflikt. Irgendwann hat die Menschheit sich zu eigen gemacht, dass es unter den Lebewesen eine Trennlinie zwischen Mensch und Tier gibt. Das haben wir dann mit allerlei Erkenntnissen unterfüttert, die auf tönernen Füßen stehen und sich bei näherer Betrachtung relativ einfach umstoßen lassen. Wurden noch in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Tiere als rein instinktgesteuerte Maschinen bezeichnet, wissen wir heute, dass sie eine unserer ähnliche Gefühlswelt haben. Sie empfinden Schmerz, Leid und Trauer genauso wie Freude, Zufriedenheit und Glück. Zudem wird immer wieder unsere komplexe Sprache, moduliert über einen in der Natur beinahe einzigartigen Kehlkopf, als Argument unserer Entwicklung und er daraus resultierenden Überlegenheit ins Rennen geworfen. Aber warum ist das so außergewöhnlich? Es ist nur eine genetische Variation, dass wir diesen Kehlkopf besitzen. Tiere kommunizieren auch, der Vogel zwitschert, der Löwe brüllt und Wale singen. Wir sollten unseren Gedanken und Überlegungen mehr Freiheit geben und die Grenzen einreißen. Es könnte doch gerade sein, dass irgendwo draußen in einem Baum zwei Rotkehlchen sitzen und sich darüber unterhalten, wie kompliziert Menschen kommunizieren und dabei nicht merken, dass ein Rotkehlchen nicht so viel quatscht, dafür aber im Gegensatz zu uns problemlos ohne Navi nach Afrika fliegt. Aus Sicht der Rotkehlchen zeigt das doch eine klare Überlegenheit ihrer Spezies.

Während die Jagd noch ein geringes Tötungsvolumen mit sich bringt, ist die Massentierhaltung und -schlachtung zu einer Massenvernichtungsmaschinerie geworden. In Deutschland werden täglich zwei Millionen Tiere geschlachtet. Das heißt, in diesen paar Sekunden, die man braucht, um diesen Satz zu lesen, sterben allein in deutschen Schlachthäusern gut 100 Tiere. Erschreckend, oder? Hinzu kommt das unsägliche Leid der sogenannten Ausstallungen durch Fängerkolonnen, die Transporte und dem Umgang mit diesen Lebewesen im Schlachthaus. Alleine in den vergangenen drei Monaten konnte die Tierschutzorganisation ANINOVA heimlich in zwei Schlachtbetrieben Filmmaterial sichern, das brutalste, aktive Tierquälereien zeigt (https://aninova.org/aufdeckung/schlachthof-luna-suppenhuehner/ und https://aninova.org/aufdeckung/tierquaelerei-in-gaense-und-enten-schlachthof/). Leider ziehen die Jobs in Schlachthäusern geradezu magisch Menschen an, die dort ihren dunkelsten Neigungen nachgehen können und sich mit debilem Gelächter an schutzlosen, kräftemäßig unterlegenen Lebewesen austoben können. Der Konsum von Fleisch und anderen tierischen Produkten bedeutet also nicht nur, den Tod unzähliger Lebewesen in Kauf zu nehmen, sondern auch das System dieser Quälereien am Laufen zu halten.

Abschließend die ultimative Frage, die vegan, also ohne Tierleid, lebenden Menschen gerne gestellt wird: „Was würdest du denn tun, wenn du auf einer einsamen Insel mit einem Huhn festsitzt und nichts zu essen hast?“ Ein Tierschützer hat die Frage auf Instagram perfekt beantwortet: „Ich würde das Huhn und mich mit Pflanzen ernähren und wäre dankbar, dass ich mit der Henne einen klugen Gesprächspartner habe.“

Was will der Schreiberling euch mit alledem sagen? Veränderung braucht Zeit, aber die Welt braucht Veränderung und hat nicht mehr viel Zeit. Die Auswirkungen, die die Massentierhaltung auf unseren Planeten hat, sind enorm und rauben unseren Kindern die Zukunft. Niemand verlangt, dass ihr mit den Fingern schnippst und sofort perfekt seid. Aber bitte probiert doch mal was Neues. Seid offen für andere Lebensmittel. Nicht alles wird beim ersten Griff ins Regal im Supermarkt schmecken, ihr müsst ausprobieren, für euch das richtige finden. Der eine mag Hafermilch, der andere lirbt die Süße von Reismilch. Es gibt so viele Ersatzprodukte, die einem den schleichenden Übergang in eine tierleidfreie Ernährung erleichtern, dass man Monate braucht, um sich durch alles durchzuprobieren. Wenn wir jeden Tag hören, dass wir technologie-offen denken sollen, müssen wir auch offen sein, was neue Ernährungsweisen angeht.

In diesem Sinne lasst es (das Neue) euch schmecken und glaubt mir, ich leide weder unter Eisenmangel noch nehme ich zu wenige Proteine zu mir.

Fortsetzung folgt….