Kellerfund … Pfund im Bauch … ja, was denn nun?
Seien wir ehrlich, wenn wir von einem Kellerfund sprechen, dann hoffen wir doch alle darauf, dass Opa im über Jahrzehnte gesammelten Kartonwust einen Rembrandt vergessen oder ein paar inzwischen wertvolle Aktien übersehen hat. Das ein Kellerfund auch ganz anders aussehen kann, lernten wir zu Ostern.
Ostersamstag, 19.30 Uhr, das Telefon klingelt und ein junger Mann meldet sich mit den Worten: „Guten Abend, meine Mutter hat eben ein Huhn im Keller eines Mehrfamilienhauses gefunden. Können wir Ihnen das Tier bringen?“ Mein erster Gedanke: Da hat jemand einen Hahn ausgesetzt und das arme Tier hat sich einen Schlafplatz im Halbdunkel eines Kellerabgangs gesucht. Aber nein, per WhatsApp erreicht mich ein Foto, das eine recht entspannt auf dem Schoß der Beifahrerin sitzende braune Legehenne in einem Auto zeigt. Die Finder bestätigen, dass die Henne sehr zahm ist und sich einfach auf den Arm nehmen ließ. Also kommen sie zur Übergabe zu uns. Das kleine Huhn mit dem verstrubbelten Gefieder war klapperdürr und sah ziemlich zerrupft aus, aber trotz des hervorstehenden Brustbeins war sein Bauch dick und hart, da schien etwas festzustecken. Nach kurzer Beratung haben wir dann den Plan gefasst, die Henne erstmal ein bisschen aufzupäppeln und nach den Feiertagen zum Tierarzt zu bringen. Das Huhn fand den Plan super und hat von 20.30 Uhr bis nachts um halb eins nur gefressen. Zwei Schalen Körnerfutter und etliche Leckerchen verschwanden in dieser Zeit im schwarzen Loch der hungrigen Gier … und auch in den nächsten Tagen zeigte sich der pure Lebenswille im stetigen Hunger und Nachholbedarf der Kleinen.
Am Dienstag nach Ostern kam das Hühnchen, welches wir inzwischen nach seinem Fundort „Bodega“ genannt hatten, zu unserer Tierärztin. Sie bestätigte unseren Verdacht, dass im Bauch jede Menge Schichteier feststeckten, sagte aber auch direkt, dass die Henne noch länger aufgepäppelt werden müsse, damit sie die Narkose und Operation überstehen könne. Also wurde sie in der Praxis noch weitere sieben Tage mit allem versorgt, was ihren kleinen, ausgemergelten Körper wieder zu Kräften brachte und kam am folgenden Montag auf den OP-Tisch. Im Rahmen der OP wurde dann aus dem Keller-Fund einer Eier-Pfund, denn fast 500 Gramm Schichteier wurden aus dem Bauch und Legedarm der kleinen Bodega entfernt. Fassen wir zusammen: Ein Huhn, welches am Fundtag kaum 1,3 Kilo auf die Waage brachte, bekommt neun Tage später unter einer körper-stressenden Vollnarkose ein Drittel dieses Gewichts entfernt. Wir alle erwarteten zurecht ein Häufchen Elend, welches sich mühevoll aufrappelt und um sein Leben kämpft … Umso größer war die Freude und das Gelächter, als am Dienstagmorgen folgende Meldung aus der Praxis kam: „Bodega ist nicht nur wach, sie frisst, trinkt, randaliert und zerlegt die Praxis. Es sieht so aus, als ob sie dringend nach Hause wolle!“. Bodega, dein Wunsch ist uns Befehl, in einer ungenehmigt erweiterten Mittagspause, habe ich die Kleine abgeholt. Lediglich der Verband an ihrem Bauch zeugt von der überstandenen Operation. Sie frisst und frisst und frisst. Sobald sie den Nachsorge-Termin in zehn Tagen überstanden hat, darf sie in ihr neues Für-immer-zu-Hause ziehen und ihr Leben genießen. 
Wie Bodega im Keller landete oder was sie überhaupt in diese Situation gebracht hat, werden wir wohl nie erfahren. Hat sie jemand ausgesetzt, weil ihm klar war, dass sie krank war? Hat sie es geschafft sich aus einem Schlachttransport zu befreien und ist dann durch die Gegend geirrt? Für zweitere These spricht die Tatsache, dass sie innerstädtisch, fernab jeder Hühnerhaltung gefunden wurde, aber das Geheimnis ihrer Herkunft wird Bodega für sich behalten.
Ihre Geschichte zeigt einmal mehr, dass es sich immer lohnt, zu kämpfen und, dass die angezüchtete abnorme Legetätigkeit zu unendlichem Elend und Quälerei bei Hühnern in der Industrie führt.

